Mailand, 386. Augustinus geht im Garten auf Abstand zu seinem Freund Alypius, wirft sich weinend unter einen Feigenbaum und hält die eigene Unentschlossenheit kaum noch aus.
Er ist ein erfolgreicher Lehrer der Rhetorik und kennt die christliche Botschaft längst. Er bewundert Menschen, die ihr Leben tatsächlich geändert haben. Nur er selbst hängt fest: Er will neu anfangen und will zugleich an seinen Gewohnheiten festhalten.
Dann hört er aus einem Nachbarhaus eine Kinderstimme. Immer wieder klingen Worte herüber, die er als Aufforderung versteht: Nimm und lies.
Augustinus geht zurück, schlägt die Paulusbriefe auf und liest in Römer 13 die Aufforderung, das alte Leben abzulegen und sich an Jesus Christus auszurichten. Danach, so schreibt er, sei das Licht der Gewissheit in sein Herz gekommen und die Dunkelheit des Zweifels gewichen.
So erzählt er es später selbst in seinen „Bekenntnissen“. Die Szene ist ein starkes Selbstzeugnis, aber keine Aufnahme jenes Nachmittags. Augustinus formt darin die Erinnerung an einen langen Weg: Gespräche, Denken, Widerstand und die Einsicht, dass ihm nicht noch ein Argument fehlte, sondern eine Entscheidung.
Kein Zauberspruch also. Ein Bruch.
Er zeigt Alypius die gelesene Stelle. Bald darauf gibt Augustinus seine Lehrtätigkeit auf, lässt sich taufen und kehrt nach Nordafrika zurück. Später wird er Priester und Bischof von Hippo. Seine Predigten und Schriften prägen das westliche Christentum über Jahrhunderte.
Vielleicht bleibt gerade deshalb der Garten so nah: Dort sitzt kein geborener Heiliger, sondern ein kluger Mensch, der Gott sucht und sich selbst im Weg steht. Er wusste längst genug. Unter dem Feigenbaum wurde aus Wissen ein Schritt.
Quellen & Bezugspunkte 2
- Historische QuelleAugustinus, Confessiones (Bekenntnisse)Buch VIII, Kapitel 7–12; besonders Kapitel 12Quelle ansehen
- BibelDer Abschnitt, den Augustinus in seiner Rückschau liestRöm 13,13–14Quelle ansehen
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